Quartiersentwicklung in Gelsenkirchen-Ückendorf

„Soße? Ham wa nich. Ketchup und Mayo gibt´s“, antwortet die junge Frau hinter der Verkaufstheke und schaut mich freundlich aus ihren dunklen Augen an. „Dann Pommes mit Ketchup“, sage ich und suche mir einen Platz auf einem der zerkratzten Holzstühle.

Mein Blick streift durch das karge Ladenlokal: Verblichen-türkise Farbe ziert die Wand, aufgesprungener Putz weist auf dringenden Renovierungsbedarf hin. Die Grillstube an der Bochumer Straße in Gelsenkirchen-Ückendorf gehört zu den etablierten Geschäften hier im Viertel – gemeinsam mit einem türkischen Bäcker, orientalischen Brautmodengeschäften oder einem Geschenkwarenladen, der Nippes aus 1001er Nacht feilbietet. Zahlreiche der ehemals prunkvollen Gründerzeithäuser stehen aktuell jedoch leer. Doch bald soll hier frischer Wind einziehen: Rund um die Bochumer Straße entsteht ein Quartier, das junge, kreative Menschen anziehen möchte.

Leerstehende Gründerzeithäuser - so zeigt die Bochumer Straße derzeit. Foto: Katrin Schnelle

Leerstehende Gründerzeithäuser – so zeigt sich die Bochumer Straße derzeit. Foto: Katrin Schnelle

Immobilien werden kernsaniert

Wie das aussehen wird, zeigen Simon Schlenke und Matthias Krentzek vom c/o – raum für kooperation – einem Ort für Co- und Networking in der Bergmannstraße. Gemeinsam mit Helga Sander von der Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen (SEG) haben sie im Rahmen der startupweek:RUHR zu einem Rundgang durch Häuser und Hinterhöfe eingeladen. Die SEG hat hier 25 Immobilien erworben, die nun schrittweise wieder nutzbar gemacht werden. Ein mühsamer Prozess: Die Gebäude, die um 1900 erbaut wurden, müssen kernsaniert und modernisiert werden. Schon lange haben die ehemaligen Eigentümer hier nichts mehr investiert. Schwierige Mieterstrukturen, teilweise mit Bewohnern aus „EU-Südost“, machten die alten Schätzchen letztlich unbewohnbar.

Tapetenreste von Anno Tobak - zumindest der Farbe nach. Foto: Katrin Schnelle

Tapetenreste von Anno Tobak – zumindest der Farbe nach. Foto: Katrin Schnelle

Skateart, Gastronomie und Tonstudio

Wir starten unsere Tour in der Nummer 107 – genauer gesagt bei „1null7 Das Zuhause“. Hier betreibt Maik Rokitta einen liebevoll bestückten Shop und eine Galerie. Unübersehbar das Leitmotiv: Skateboarding! Mit Formwechsel bietet Rokitta Gebrauchsgegenstände aus alten Decks an. Erinnerungen an die späten 80er Jahre kommen bei mir hoch, als ich selber ungelenke Versuche auf dem Rollbrett unternommen und mich unsterblich in alle Skater-Boys verliebt habe.

Skate or die: Im Hinterhof von Maik Rokittas Laden "1null7 das Zuhause" können sich Rollbrettfahrer austoben. Foto: Katrin Schnelle

Skate or die: Im Hinterhof von Maik Rokittas Laden “1null7 das Zuhause” können sich Rollbrettfahrer austoben. Foto: Katrin Schnelle

Weiter geht es zur 114. Hier war einst das Haus Reichstein beheimatet. Die frühere Stehbierhalle ist noch eine totale Baustelle. Nach der umfassenden Sanierung soll hier eine Ausstellungskneipe entstehen, die Dokumentation der Bauphase ist Teil des Projekts.

Modellprojekt Haus Reichstein: Die ehemalige Stehbierhalle wird zur Ausstellungskneipe. Foto: Katrin Schnelle

Modellprojekt Haus Reichstein: Die ehemalige Stehbierhalle wird zur Gastronomie für Kulturliebhaber. Foto: Katrin Schnelle

Wir steuern die 138 an, die erste Immobilie, die in absehbarer Zeit komplett fertig sein soll. Hier wird „Subversiv Gelsenkirchen – Verein zur Förderung urbaner Kunst und Kultur e.V“ ein soziokulturelles Freiraumprojekt, sein neues Domizil finden.

In die 114 zieht in Zukunft der Verein Subversiv ein. Foto: Katrin Schnelle

In die 114 zieht in Zukunft der Verein Subversiv ein. Foto: Katrin Schnelle

Überraschende Einblicke gibt es im Hinterhof: alte Nadelbäume spenden Schatten, in den Beeten wachsen Rosmarin und Kappes. In einem der Anbauten zieht demnächst ein Wattenscheider Tonstudio ein.

Überraschender Anblick im Hinterhof der 114: Rosmarin und Kappes. Foto: Katrin Schnelle

Im Hinterhof der 114 grünt und blüht es. Foto: Katrin Schnelle

 

Gelsenkirchen bleibt Gelsenkirchen!

Der Rundgang endet im Hinterhof des Hauses, in dem die SEG ihr lokales Büro betreibt. Graffiti an den Mauern, Bierbänke und eine spontan eingerichtete Cocktailbar erwarten uns. „Ist ja fast wie in Berlin“, ruft eine Teilnehmerin spontan aus. Nur auf den ersten Blick, denn et is halt Ruhrpott. Und warum muss es immer Hauptstadt sein? Sicherlich wird die geplante Koexistenz kreativer Studenten und alteingesessener Semester mit Migrationshintergrund mehr verlangen, als die bloße Motivation zur multikulturellen Gemeinschaft mit Faktor Hipness. Aber Gelsenkirchen bleibt Gelsenkirchen – ruppich, total charmant… und absolut entwicklungsfähig!